Wir leben und arbeiten im Zeitalter der Dienstleistung.
Und während wir Deutschen im Industriezeitalter gut und erfindungsreich
waren, hapert es heutzutage bei uns in Sachen Dienst am Kunden.
Warteschleifen am Telefon, vor Ladenkassen und Postschaltern sind
beredte Beispiele dafür, warum unsere Wirtschaft sich schwer
tut, die Binnenkonjunktur in Schwung zu bringen. Dienstleistung
lässt sich nun mal nicht allein durch Automaten erledigen,
hier steht der Mensch im Vordergrund. Und wo der Verkäufer
lustlos herumsteht und wo kein guter Service vorhanden ist, dort
bleiben die Kunden weg und die Waren bleiben länger im Regal
liegen. Dienstleistung hat auch etwas mit Leidenschaft zu tun.
Werbung ist ein Dienstleistungsgewerbe. Trotzdem
glauben viele Kreative immer noch, als freie Künstler agieren
zu müssen. Sie denken: „Ich bekomme mein Gehalt doch
von meiner Agentur, also mache ich auch Werbung für meine
Agentur.“ Wobei sie vergessen, dass ihr Gehalt vom Geld
des Kunden gezahlt wird. Diese Werber wollen nicht wahrhaben,
dass Wirtschaftswerbung Auftragskommunikation ist, die etwas bewirken
soll, nämlich Profit zu schaffen für die Auftraggeber.
Werbung muss den Konsumenten beeinflussen und weniger die Kollegen
in anderen Agenturen beeindrucken bzw. die Jurymitglieder bei
Wettbewerben. Wenn ich höre: Die deutsche Werbung könnte
viel besser sein, wären die Auftraggeber bloß nicht
so ängstlich – dann muss ich dem entgegnen: Wer Millionen
in Werbung investiert, der ist nicht ängstlich. Er zeigt
aber Verantwortung seinem Unternehmen gegenüber, wenn er
mit der Werbung das geringstmögliche Risiko eingehen will.
Ein Gleichnis: Wer die Papiere einer geheimnisvollen afrikanischen
Goldmine zum Schnäppchenkurs kauft, der kann dabei viel gewinnen.
Genauso aber auch viel verlieren. Will jemand so ein Risiko eingehen,
dann mag er das tun, solange er die Aktien aus eigener Tasche
bezahlt und nicht mit
Firmengeldern.
Und wer sagt eigentlich, dass die Werbung hierzulande schlechter
ist als Werbung in anderen Ländern? Jedes Land macht Werbung
für das eigene Volk. Der viel gepriesene englische Humor
mag zwar in England wirkungsvoll sein, stößt in deutschen
Bundesländern aber weitgehend auf Unverständnis. Und
was Japaner in ihrer Werbung treiben, das würde in Deutschland
so viel Wirkung am Point of Sale erzeugen wie ein platzender Luftballon.
Um es deutlich zu sagen: Ich bin nicht gegen Werbewettbewerbe
–im Gegenteil. McCann Erickson beteiligt sich ebenfalls
daran, und unzählige Auszeichnungen sind Zeugnisse dafür,
dass wir uns im internationalen Standard messen können. Aber
McCann Erickson gewinnt keine Preise für eine Würstchenbude
oder eine Hula-Hoop-Schule. Weil diese Kunden von einer großen
Agentur ehrlich gesagt gar nicht betreut werden können. Und
weil wir keine vordergründige Dekorationswerbung machen,
sondern Werbung im Gesamtkonzept des Marketings. Dabei steht die
Markenführung im Vordergrund. Und die Agentur steht dahinter.
Viele Agenturen aber wollen im Mittelpunkt stehen.
Sie setzen das Werbebusiness gleich mit Showbusiness. Da werden
Preise bei Wettbewerben nicht selten manipulativ erschlichen.
Mit erheblichem Geldaufwand. Für die Agenturen zählen
diese Preise mehr als die Preise, die ihre Kunden an der Ladenkasse
des Handels kassieren. Von diesen Preisen aber wird die Werbung
inklusive der Agenturkosten letztendlich bezahlt. Und die Werbung
treibende Wirtschaft lebt von ihrem Geschäftserfolg und nicht
von goldenen Trophäen, die vorrangig der Eigenwerbung ihrer
Werbeagenturen dienen.
Die Leistungswerte, nach denen man eine Agentur
beurteilen kann, sind sowohl objektiver als auch subjektiver Art.
Objektiv: Welche bedeutenden Kunden stehen wie lange auf der Kundenliste
der Agentur? (Logisch: Kein Kunde, der mit seiner Agentur unzufrieden
ist, würde bei ihr bleiben!) Die subjektive Beurteilung erfolgt
anhand von Preisen, die von der Agentur gewonnen wurden auf dem
Jahrmarkt der Eitelkeiten. Preise, die – ausgenommen der
Effie – in erster Linie von Kollegen nach eigenem Geschmack
vergeben werden und weniger durch ein unabhängiges Gremium,
in dem auch die Kunden der Agentur ein Machtwort mitreden. Oder
wo die Kunden der Agenturkunden, sprich die Zielgruppen der Werbung,
bei der Entscheidungsfindung mitspielen. Kurz gefasst: Es gibt
drei Sorten von Werbung – zielgerichtete, die dem Unternehmen
dient, und Werbung, die darauf abzielt, die Agentur zu schmücken,
weil sie damit Punkte sammelt im Ranking der Berankten. Und die
dritte Art von Werbung ist die langweilige, die nichts sagende.
Sie wirkt weder am Point of Sale noch bei Werbewettbewerben. Und
in der Firmenkasse nur auf der Ausgabenseite.
Werbung ist letzten Endes das, was in den Medien
erscheint. Bevor es aber so weit ist, bedarf es eines Denkprozesses
und intensiver Gespräche, die auf höchster Firmenebene
geführt werden müssen. Weil Werbung viel Geld kostet,
schlechte weitaus mehr als gute. Das gilt für den Hutladen
an der Ecke genauso wie für den Großkonzern. Allerdings
mit einem wesentlichen Unterschied: Ein Hutladen kann mit seinem
Werbekleingeld agieren, wie die Werbeagentur es will, kann auch
mal kreative Höhenflüge riskieren, ohne dass der Inhaber
dadurch größeren Schaden erleidet. Ein Großunternehmen
dagegen muss bei seinen Werbeaufwendungen einen Return on Investment
vor Augen haben. Denn arbeitet die Werbung dort nicht ausreichend,
dann steht einiges auf dem Spiel, nicht zuletzt Arbeitsplätze.
Für die Bewertung einer Agentur schlage ich die beste aller
Möglichkeiten vor: Man ermittelt den Markenwert. Was meint:
Jede Marke, für die eine Agentur arbeitet, hat einen Wert.
Dafür steht die Agentur mit ihrer Leistung grade. Und zählt
man alle Markenwerte zusammen und multipliziert man das Ergebnis
mit der Zeit, in der diese Marken von der Agentur betreut werden,
dann ergibt das den Wert der Agentur. Dass McCann Erickson mit
Kunden wie Opel, Microsoft, Lufthansa, MasterCard, L’Oréal,
Langnese-Iglo, Coca-Cola, Intel, Nescafé, BenQ Siemens,
Beck’s Bier, CreditSuisse und ca. 80 weiteren bedeutenden
Marken in Deutschland natürlich meilenweit vor den gesamten
Hutladen-Agenturen rangiert, lässt sich denken. Doch mit
diesen kreativen Hotshops wollen wir gar nicht verglichen werden.
Weil das Credo von McCann Erickson lautet: „Truth well told“.
Und nicht: „L’art pour l’art“. Oder kurz
gesagt: Werbung, die ausgezeichnet arbeitet, braucht nicht wirklich
Auszeichnungen durch Jurys. Wenn sich die kreativen Mitarbeiter
bei McCann Erickson dennoch über Auszeichnungen bei Werbewettbewerben
freuen, dann zählt das zur schönsten Nebensache unseres
Berufes, ist aber beileibe nicht die Hauptsache. Die Hauptsache
ist, dass unsere Kunden mit unaustauschbaren, frischen Kampagnen
auf dem Markt gewinnen.
Helmut Sendlmeier
Chairman and CEO
McCann Erickson